Von Elisabeth Göhring mit Illustrationen von Eva Wal

In jeder Führungsdiskussion, bei allen Fragen, die Massenphänomene wie die sozialen Medien oder die globalen Wirtschafts-Giganten betreffen, geht es indirekt um Macht.

Einige wenige haben sie. Aber trotzdem fühlen wir, die wir nur darüber reden, uns nicht unbeteiligt. Wir sind Kunden, Mitarbeiter, Wähler. Vielleicht sogar selbst ein bisschen Boss über das eine oder die anderen.

Entscheidend ist, dass wir ein Bestandteil des Rudels sind, ohne das die Mächtigen nicht sein können. Die Rudel-Zugehörigkeit verbindet uns mit den Mächtigen. Führender und Folgender bilden eine Einheit.

Wir reden über „die Chefs“ und „das System“. Wir folgen irgendwie und murren und revoluzzen ein wenig. Aber letztendlich gibt das Rudel uns Kraft und Geborgenheit. Es lässt uns teilhaben am Erfolg der „Da Oben“.

Diese "da Oben" sind meist in mehrfacher Beziehung vermögende Leute: Sie vermögen etwas zu machen, nämlich die Umstände formen, und dazu bedienen sie sich ihres monitären oder geistigen oder körperlichen Vermögens. - Aber vor allem besitzen Sie eines: den Willen zur Macht.

Überall, wo etwas bewirkt oder geschaffen wird, ist Macht als Kraft im Spiel. Jede Organisation übt Macht nach innen und nach außen aus. Jede Organisation dient der Machtausübung und ist gleichzeitig Teil eines Systems.

Visionen verfestigen sich zu Plänen, dann zu Organisationen, und diese verknöchern zu Systemen.

[…] Macht oder Machtstreben […] ist eine notwendige anthropologische Gegebenheit,“* stellt der Psychotherapeut Dr. Mario Jacoby fest und begründet dies aus der Entwicklungsgeschichte:

Alle Rudel-Tiere, wie auch der Mensch, haben den Trieb, befehlen zu wollen und um Macht zu kämpfen. Sie haben aber auch den Trieb, sich dem Stärkeren unterzuordnen und Macht durch das Rudel auszuüben. Das Rudel-Tier ist so veranlagt: entweder zu kämpfen und zu gewinnen oder sich unterzuordnen. Für das Rudel ist der Trieb, sich irgendwann unterzuordnen und sich anzupassen, sehr wichtig. Nur so können sich die Kräfte zu produktiven Taten vereinen, anstatt sich aneinander aufzureiben.

Schon Säuglinge der Gattung Mensch erfreuen sich daran, etwas bewirken zu können. ** Diese Freude gehört zum Menschen. Sie hält bis ins späte Erwachsenenalter an. Deshalb kann Arbeit beglücken: weil man etwas bewirken kann.

Umgekehrt ist das Erleben von Ohnmacht schrecklich und beängstigend. Im Arbeitsleben kommt es oft vor und macht krank. Es ist die resignierende Einsicht, nichts oder das Falsche bewirken zu müssen.
Ohnmacht kann man aber auch gegenüber den eigenen Wünschen oder Bedürfnisses empfinden: wenn man sich zum Beispiel nicht beherrschen kann, nicht mehr Herr seiner selbst ist.

Eine der grundlegendsten menschlichen Ohnmachtserfahrungen ist die Erfahrung der Einsamkeit,“*** sagt die Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin Barbara Mettler-v. Meibom. Es gibt sie zwar, die einsamen Wölfe oder Genies, aber sie sind selten gesund und glücklich. - Wenn doch, dann haben sie die Einsamkeit durch die umfassende Einheit mit sich selbst überwunden. Das ist eine sehr starke Form der Macht, die selten in ihrer Auswirkung bei sich bleibt. Jeder Anführer ist einsam an der Spitze. - Jeder, der eine Vision verwirklichen will, ist zunächst einsam.

Hier setzt das Modell an, das ich in folgendem kurz ausführen will:

 

Formen der Macht in ihrer Auswirkung auf die Umstände

 

In diesem Modell wird die Macht differenziert in:

  • Macht gegenüber sich selbst – Selbstbeherrschung (mit SELBST kann auch eine Gruppe gleichgesinnter gemeint sein)

  • Macht gegenüber den Dingen und Organisationsgefügen

  • Persönliche Macht innerhalb, über oder mit einer Gruppe (nicht ursprünglich Gleichgesinnter)

 

Im Zentrum der Macht befindet sich ein Wille, der durch Selbstbeherrschung gebündelt wird. Nur wenn die Macht aus einem stabilen Zentrum ausstrahlt, kann sie über die Umstände wirken. Es darf keine Ablenkung durch Ängste, Sehnsüchte oder Bedürfnisse geben, das würde den Willen schwächen.

Die Umstände können in einer Konstellation liegen, die es dem Willen ermöglicht, bis zur Gruppe vorzudringen und seine Vision zu vermitteln. Der Wille kann aber auch gepaart mit einem solchen Vermögen im Sinne von Können sein, dass er die (widrigen) Umstände durchdringt und so zur Gruppe vorstößt. Die Gruppe kann nun den Willen aufnehmen, sich um ihn sammeln und Veränderungen bewirken, wenn es dem Willen gelingt, seine Vision positiv zu vermitteln. Erst die Gruppe verleiht dem Willen so viel Macht, dass er auf die Umstände wirken kann.

 

Je umfassender die Vision, desto umfassender der Wandel, den die ausstrahlende Macht bewirkt.

Je fokussierter die Vision, desto stärker die Kraft für den Wandel.

 

Fazit: Wer Macht will, muss ETWAS wollen. Und dieses ETWAS muss unter allen Umständen vermittelt werden können, damit daraus ein Tatsache werden kann. - Und schon ist man wieder bei der Wichtigkeit guter, klarer Bilder.

 


 

*Mario Jacoby „Das Leiden an Gefühlen der Ohnmacht in der Psychotherapie“, Macht -Ohnmacht – Vollmacht : tiefenpsychologische Perspektiven / Helga Egner (Hrsg.), 1996, S. 21)

**(Papussek 1975, zit. Lichtenberg 1989, S. 125 f.) Säuglinge verloren schnell das Interesse an sich verändernden Lichtern. Hatten sie aber die Möglichkeit mittels eines Schalters selbst die Lichtveränderung herbeizuführen, freuten sie sich und blieben interessiert.

*** Barbara Mettler-v. Meibom „Einsamkeit in der Mediengesellschaft“, Macht -Ohnmacht – Vollmacht : tiefenpsychologische Perspektiven / Helga Egner (Hrsg.), 1996, S. 71)

 

Empfehlung zum Thema: Was ist Macht?, Byung-Chul Han, Reclam 2005

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http://www.sesame.org.jo/sesame/

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Unternehmenskulturen sind nicht „gut“ oder „schlecht“. Aber sie können, ähnlich wie der Charakter bei Menschen, einem sympathisch oder abstoßend erscheinen. Das bleibt der individuellen Bewertung überlassen. - Man kann aber messen und bewerten, ob eine Kultur ihren speziellen Aufgaben gewachsen ist. Das Unternehmenskultur-Magazin.de stellt eine Vielfalt an Organisationscharakteren und Tools zur Messung und Anpassung von Organisationskulturen vor, ohne dabei den Blick für Menschliches zu verlieren.
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