von Elisabeth Göhring

Die Notwendigkeit, wie eine Schwerkraft

 

Thomas Paine, „Common Sense – An die Einwohner Amerikas“, 1776

 

Paines zunächst anonym veröffentlichtes Pamphlet, das die Unabhängigkeit Amerikas von England als Einsicht des klaren Menschenverstandes forderte, vergleicht die Notwendigkeit mit der Schwerkraft. Jeder wird die Notwendigkeit spüren können, denn die Notwendigkeit ist zwingend für alle gleich.

Etwas, das allen einsehbar ist, wird passieren, sobald es alle gesehen haben. Sie brauchen bloß hinzugucken und den gesunden Menschenverstand  einzusetzen. So dreht sich das Rad der Geschichte?

Zwei Türen: die eine ist vernagelt, die andere sieht benutzt aus. Welche der beiden würden Sie wählen?

Zwei Menschen: der eine hat Augenzucken, der andere zwinkert Ihnen zu. Welchem von beiden würden Sie trauen?

Zwei Systeme: das eine bedeutet hohe Steuern, das andere bietet Freiheit. Welches wird sich durchsetzten?

Sind diese Fragen wirklich so einfach zu beantworten?
Der fehlende Kontext macht es unmöglich, ganz einfach mit „die unvernagelte Tür“, „der Zwinkerer“ und „das System der Freiheit“ zu antworten. Wir riechen förmlich die Falle. Und voilá, das ist gesunder Menschenverstand! Nicht die Intelligenz gebietet uns aufmerksam zu sein, sondern die Intuition. Denn natürlich ist eine offene Tür einer vernagelten vorzuziehen, Zwinkerer und Zucker sind nicht zu unterscheiden und Freiheit und Steuern haben so viel miteinander zu tun wie die sprichwörtlichen Äpfel mit Birnen.

Viele unserer Entscheidungen basieren nicht auf Intellektualität und umfassenden Analysen sondern auf dem, was man als „gesunden Menschenverstand“ bezeichnet. Der Ethnologe Clifford Geertz beschreibt ihn mit folgenden Adjektiven:

natürlich, praktisch, dünn, unmethodisch und zugänglich.

Interessant aus unternehmenskultureller Sicht ist dabei vor allem, dass der gesunde Menschenverstand in jeder Kultur, auch den Unternehmens-, Branchen- und Fachkulturen, zu unterschiedlichen Schlüssen gelangen kann. Die Menschen, die den Common Sense anwenden, sind aber felsenfest davon überzeugt, dass das, was sie denken, aus unmittelbarer und allgemeingültiger Erfahrung entspringt und jeder mit klarem Verstand auf denselben Schluss kommt. Die Notwendigkeit, wie die Schwerkraft.

Der Common Sense oder das, was Husserl die „Lebenswelt“ nennt, besteht also aus unbegründeten Erfahrungen. Gewisse Volksstämme sind überzeugt, dass hinter solchen Erfahrungen Magie als Gesetzmäßigkeit steht. In unserer Kultur ist man dagegen der Meinung, dass das, was nicht wissenschaftlich erklärbar sein wird, auf Gott oder andere esoterische Erscheinungen zurückzuführen ist.
Sich
widersprechende Forschungsergebnisse werden gerne mit „Das sieht man doch“, „Das merkt man doch!“ oder „Ich kenne jemanden, der sagt /weiß /erlebt hat“ entscheidend bewertet. – Die pseudo-intellektuelle Entsprechung zum moralischen „das gehört sich so!“.

Gerade in einer zusammenwachsenden Welt muss man sich über den dünnen realen Boden und die tiefen irrationalen, kulturell bedingten Wurzeln seiner eigenen Annahmen bewusst werden.

Dazu kann man sich der Dekonstruktion im Sinne des Philosophen Jaques Derridas bedienen: Begriffspaare und begriffliche Verkettungen werden gelöst, um das, um was es Eigentlich geht, von sprachlich-kulturellen Verklebungen zu befreien.

Zum Beispiel Personaler, die „gute Leute“ „rein nach Qualifikation“ aussuchen und „rund um die Fachkompetenz“ „professionell entscheiden“, dürfen nachdenklich werden.

Denn: Was ist ein Zeugnis? Was für begriffliche Verklebungen verbergen sich hinter diesem Begriff, nach dem Menschen in „gut“, „talentiert“ und „kompetent“ einsortiert werden?
Der gesunde Menschenverstand kommt dann mit folgenden Argumenten zum Tragen und verhindert jedwedes dekonstruierendes Umdenken: „nach irgendwelchen Kriterien muss man doch Vorentscheidungen treffen“, „jedes Zeugnis trifft vielleicht nicht genau, aber so ungefähr kann man schon sehen, wer sich dahinter verbirgt“,„die Trefferquote ist durch diese Filter empirisch gesehen recht hoch“.

In Zukunft müssen diese Zeugnisfilter immer mehr Bewerbungen vorentscheiden. Weil man nicht bekommt, was man haben will, stöhnt man über den War of Talents und macht einfach weiter wie bisher – nur in größerem Stil.

Gibt es wirklich keine besseren Ideen?

Das Problem der Business-Logik ist, dass sie Menschen und Systeme bewusst vereinfacht betrachtet, um in großen Maßstäben agieren zu können. Es wird ein eigener, fachspezifischer Common Sense gebildet, der sich in einfachsten Fünfbiszehnpunkteplänen manifestiert und in Wirklichkeit Ausdruck einer Hilflosigkeit gegenüber der realen Komplexität und Mehrdimensionalität ist.

Dekonstruktion von Begrifflichkeiten, um die sich X-Punktepläne oder Modelle ranken, oder die in solche verwebt sind, können zu vorläufiger Verunsicherung aber auch zu neuen konstruktiven Ansätzen führen.

Wann immer Totschlag-Argumente wie „Das hört sich alles ganz schön an, aber da geht es um Fakten!“ ins Feld geführt werden, sollte die dekonstruktive Notbremse gezogen werden.

Was sind Fakten (richtig/Zahl/ männlich rational), und was wird da als Nicht-Fakt (nicht nachweisbar/Frauensache/esoterisch/nicht geschäftsrelevant) vom Tisch gewischt?

Es geht dabei um einen Bruch in der westlichen Entwicklungs-Philosophie, die da heißt: „weiter, immer weiter, immer besser..“ Es geht um Revolution an der Stelle von der inkrementellen Evolution, deren erster Schritt des totalen Neudenkens das „Zurücktreten“ ist.

Sich darauf einzulassen bedeutet, Neuland zu betreten.

 

 

 

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Zitat

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„I have created two Maxi DSTs for conversion studies. The data were filtered from W slowstream output asking for standard electron cuts (eRIC + track-preshower match). There are a total 655 events on cassettes VW 0536 VW0537.“

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http://www.sesame.org.jo/sesame/

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Unternehmenskulturen sind nicht „gut“ oder „schlecht“. Aber sie können, ähnlich wie der Charakter bei Menschen, einem sympathisch oder abstoßend erscheinen. Das bleibt der individuellen Bewertung überlassen. - Man kann aber messen und bewerten, ob eine Kultur ihren speziellen Aufgaben gewachsen ist. Das Unternehmenskultur-Magazin.de stellt eine Vielfalt an Organisationscharakteren und Tools zur Messung und Anpassung von Organisationskulturen vor, ohne dabei den Blick für Menschliches zu verlieren.
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