Wenn man Karl Mays Biografie nicht als Ganzes betrachtet und auf den erfolgreichen Jugendbuchautoren reduziert, sondern auf einem beliebigen Punkt seiner Laufbahn Identifizierungspunkte sucht und Mays kreative Strategien mit den Widrigkeiten des Lebens umzugehen beleuchtet, kann das interessante Anregungen für das eigene Agieren in der Businesskultur erbringen.
Wer hätte gedacht, dass der fünfte der vierzehn Nachkommen armer Weber und einer der fünf Überlebenden einmal solch einen Erfolg haben würde? – Hatte er auch lange Zeit nicht. Noch in seinem letzten Lebensjahr musste er sich dagegen wehren, öffentlich als ein “geborener Verbrecher” bezeichnet werden zu dürfen.
Das Entwenden von sechs angebrannten Kerzen, um das heimatliche Weihnachtsfest zu erhellen, kostete ihn, fünfzehnjährig, den von ihm und seiner Familie hart erkämpften Platz am Lehrerseminar. Pünktlich zum Fest.

May bittet drei Monate später die Obrigkeit untertänigst um Gnade, und sie wird ihm gewährt. Er schließt seine
Ausbildung ab und wird Lehramtskandidat in einer Armenschule.

Der Buchhalter, in dessen Wohnung er einquartiert wird, ist wenig begeistert von dem neuen Mitbewohner. Trotzdem leiht er Karl May eine Taschenuhr zum Bemessen der Unterrichtszeit. Als dieser nun am letzten Schultag vor Weihnachten nach Hause aufbricht ohne die Uhr ordnungsgemäß zurückzubringen, wird er angezeigt, verhaftet und zu sechs Wochen Haft verurteilt. Die Folge: lebenslanges Berufsverbot. Sogar das Erteilen von privaten Musikstunden wird ihm untersagt. Karl May ist mit 20 Jahren am Ende. Ihm bleibt zu
betrügen und hochzustapeln, was ihm zwei Verurteilungen zu je vier Jahren Haft, steckbriefliche Bekanntheit und eine Flucht aus dem Polizeigewahrsam einbringt.

Wenn man als 34-jähriger Ex-Häftling mit Berufsverbot und ohne finanzkräftige Familie im Hintergrund ein Auskommen sucht, gab es damals so wie heute wenig Hoffnung auf mehr als einen Hungerlohn.
Im Gefängnis erwartete man ihn deshalb bald zurück. Allerdings waren dort auch seine schriftstellerischen Fähigkeiten entdeckt worden, so dass er vermutlich nach der Haftentlassung Skripte bei Verlagen einreichte.

Der Schmuddelverlag der Gebrüder Münchmeyer („Die Geheimnisse des Venustempels [...]“ etc.) nutzt die Gelegenheit, den begabten Kreativen so richtig gründlich ausnutzen zu können. Denn die Ex-Sträflinge, so der Verleger, habe man „im Sack“.
Für Karl May ist das Angebot allerdings eine Chance, die er voll und ganz nutzt. Die Münchmeyers erwirtschaften mit seiner enormen Produktivität fünf Millionen Reichsmark, von denen May nicht einmal ein Prozent bekommt.
Bis Karl May selbst der Durchbruch gelingt, wird es noch dauern. Erst in seinem 50. Lebensjahr findet er einen „anständigen“ Verleger, der ihm die Tür zu seriösem Wohlstand öffnet.


Die Grenzen zwischen seinen Figuren und ihm verschwimmen im Laufe der Zeit zunehmend. Karl May schöpftund schöpft. Er produziert mehr als 30.000 Seiten! Schließlich behauptet er, in seinen Romanen von eigenen Abenteuern als Kara Ben Nemsi und Old Shatterhand berichtet zu haben. Er zeigt ungefragt seine Narben von Kämpfen mit Indianern oder Bären und lässt sich Requisiten wie den vielfach erwähnten „Henry-Stutzen“ heimlich fertigen. Seine Frau antwortet auf Leseranfragen, dass ihr Mann gerade auf einer seiner Expeditionen sei. – In Wirklichkeit war er bis dahin kaum über die Grenzen Sachsens hinaus gekommen!

Die erste „echte“ Reise tritt er in den Orient mit 57 Jahren an. Davor entlehnte er die Szenen-Bilder mehr oder weniger bekannten ethnologischen, archäologischen oder anderen Publikationen.
An den exotischen Realitäten, die er auf seiner mehr als einjährigen Exkursion erlebt, zerbricht er beinahe. Am Ende seiner ersten Reise steht er kurz vor der Einweisung in eine psychiatrische Anstalt.
Zurück zu Hause erwarten ihn Presse-Hetze, Verleumdungen und Prozesse. Aber Karl May entwickelt sich: von seinen nach grobem Muster grell bunt gestrickten Unterhaltungsromanen, bei denen die Figuren sich wie Kasperpuppen vor der exotischen Bühne bewegen, hin zu Geschichten mit mystischer Tiefe und Helden mit inneren Entwicklungen.
Er entwirft in seinem wenig bekannten Spätwerk eine Mystik, die ihm die Achtung von Nobelpreisträgern und hochkarätigem Publikum einbringt.
Betrachtet man die Berufswelt als Abenteuerkulisse, in der ein Mensch eine Mission zu erfüllen hat, kann man das Berufsleben als eine Art Cowboy- und Indianerspiel inszenieren.
Manche tragen Berufskleidung wie Kostüme und schmücken sich mit einem Lächeln, das eher wie ein Kriegsbemalung wirkt. Man gibt vor, das zu sein, von dem man glaubt, dass es von einem erwartet wird.

Manche gehen auf Leute zu, sehen ihnen tief in die Augen, greifen nach der Hand und schütteln diese besonders herzlich: „Ich grüße Dich, mein Bruder! Möge der Große Manitu unsere Wege ineinander verschlingen!“ Natürlich wissen echte Cowboys, dass man dem Gegenüber kein persönliches Interesse, Freude über den Austausch oder auch nur Freundlichkeit abnehmen darf. So gutgläubig sind nur die Greenhorns! Statt dessen erwidert man gelassen: „Mein Bruder! Danke der Nachfrage“ und kommt dann zur Sache.


Die Geschicklichkeit beim persönliche Kontakt ist auf der Businessprärie überlebenswichtig. Denn die Bösewichter, die sich nicht an den Ehrenkodex halten, lauern auch hinter freundlichen Fassaden.
Eines ist aber sicher: wir sind die Guten! Wir wollen auch nur das Spiel gewinnen und die Regeln, wieweit wir dabei gehen dürfen, werden von unserer Gemeinschaft definiert.
Jeder hat die Wahl: will er mutiger, kämpferischer Edelmensch sein oder schäbiger Tramp, den man getrost als Hund beschimpfen darf.


Die Grenzen zwischen bewusster Täuschung und kreativer Kriegslist sind fließend.
Aber darüber hinaus hat man auch noch die Wahl, die Bühne als Bühne zu sehen und das Spiel als ernste Realität.
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Vielen Dank an Sylvie Ringer für die großartigen Illustrationen!
Buchtipps: Thomas Kramer, “Karl May, ein Biografisches Portrait”, Herder 2011
Sabine Beneke, Johannes Zeilinger (Hg.) “Karl May. Imaginäre Reisen”, Bönen 2007
Davis Shulman, “From Hire to Liar. the Role of Deception in Workplace”, Cornell University 2007

Wahlverwandt

Die Entwicklung der Rockerclubs ist eine organisationale Erfolgsgeschichte.

Der Organisationssoziologe Christian J. Schmid von der Technischen Universität Dortmund beforschte die Szene.

Zur Organisationskultur von Rockerclubs

von Christian Schmid

Lockere Gemeinschaften

Das Leben in unserer Gegenwartsgesellschaft ist typischerweise hochgradig individualisiert und optionalisiert. Viele Menschen schließen sich deshalb unterschiedlich intensiv Interessens- oder Gesinnungsgemeinschaften an.

Arne Niederbacher und Ronald Hitzler beobachten, charakterisieren und beschreiben Szenen.

Das Phänomen „Szene“ bietet einen Einblick in die Thematik.

Zitat

Albert Einstein

In order to be a perfect member of a flock of sheep, one has to be foremost, a sheep.

Hochenergie-Genies

„I have created two Maxi DSTs for conversion studies. The data were filtered from W slowstream output asking for standard electron cuts (eRIC + track-preshower match). There are a total 655 events on cassettes VW 0536 VW0537.“

Sprache ist kulturprägend. - Und das da oben soll Englisch sein???

Ein Beitrag über die Kultur der Hochenergiepysiker am CERN, beforscht durch D. Nothnagel.

SESAME

Synchrotron-light for Experimental Science and Applications in the Middle East ist ein Forschungszentrum, das nach Vorbild des CERN im Mittleren Osten etabliert wird.
Es soll sowohl Forschungen durch Bereitstellung von teuren Versuchseinrichtungen im Bereich der Physik, Chemie, Biologie, Archäologie und anderen Fachbereichen ermöglichen, als auch friedensstiftend in der Region wirken.
Man lasse sich die Namen der Mitgliedsstaaten in einer Reihe auf der Zunge zergehen:
Bahrain, Zypern, Ägypten, Iran, Israel, Jordanien, Pakistan, Palestinensische Autonomiebehörde und Türkei.

http://www.sesame.org.jo/sesame/

Surreales im scheinbar reinen Rationalem

"Im Ergebnis verweist die soziolinguistisch, z.T. statistisch orientierte Untersuchung darauf, dass im gegebenen Ausschnitt, der britische, deutsche, französische, italienische und US-amerikanische Sprecher/innen umfasst, geschlechtsgebundene Unterschiede keineswegs kleiner als die kulturellen sind."

Kultivierte Unschärfe[n]

von Detlev Nothnagel

Leitgedanken

 

Unternehmenskulturen sind nicht „gut“ oder „schlecht“. Aber sie können, ähnlich wie der Charakter bei Menschen, einem sympathisch oder abstoßend erscheinen. Das bleibt der individuellen Bewertung überlassen. - Man kann aber messen und bewerten, ob eine Kultur ihren speziellen Aufgaben gewachsen ist. Das Unternehmenskultur-Magazin.de stellt eine Vielfalt an Organisationscharakteren und Tools zur Messung und Anpassung von Organisationskulturen vor, ohne dabei den Blick für Menschliches zu verlieren.
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