Über eine Reise in ein bulgarisches “Zigeunerdorf” und festsitzende Vorurteile

von Elisabeth Göhring

 

 
Vorurteile schützen. Am besten man greift auf Erfahrungswerte anderer vertrauenswürdiger Personen zurück und lässt sich außerhalb davon auf nichts ein. So funktioniert das Web. So funktioniert das Leben. Das ist Kultur.

Der Baedecker ist vertrauenswürdig. Unter der Überschrift „Sicherheit“ finde ich das Wort Autodiebstähle fett gedruckt. Illustriert wird das Thema mit dem Foto eines Polizeiautos mit folgendem Text: „Wie kommt die bulgarische Polizei zu einem Audi TT? Das Fahrzeug wurde möglicherweise in Bulgarien von Autodieben gestohlen. Die Polizei beschlagnahmte und behielt es.“

Wir fahren trotzdem mit dem Auto nach Bulgarien, weil wir neugierig sind auf das neue EU-Land, eines der ärmsten der EU.

Eine Freundin überließ uns freundlicherweise ihr Ferienhaus im Landesinnern. Sie warnte uns aber, dass es in dem Dorf ziemlich viele Roma gäbe.

Was das wohl heißen mag? Wir verdrängen unsere Vorurteile und wollen uns auf neue Erfahrungen einlassen.

Wir schätzen den Anteil der Roma in “unserem” Dorf auf für Bulgarien außergewöhnliche 70%. Der landesweite Durchschnitt beträgt laut Statistik 5%. Sie sind erkennbar an der dunklen Hautfarbe. Die anderen Bulgaren sind meist hell. Wir wissen das aber nicht. Wir vermuten nur, dass es so ist. Es erscheint uns logisch.

Einige der Roma leben in Häusern wie die ärmere Bulgaren, mit Garten und Ziege. Die anderen leben irgendwie anders, mit Pferd und Wagen.

Unser Auto ist Ausflugsziel für einige verwegen aussehende Jugendliche.

Ein Mann mockiert sich über das Lenkradschloss. Ich denke: „Das muss gerade einer sagen, dessen Haus komplett vergittert ist“ – Die meisten traditionellen Häuser hier sind nämlich geradezu verrammelt.

In den bescheidenen Verhältnissen des Dorfes fällt unser roter VW-Bus ganz schön auf. Wir wollen ihn deshalb gerne in unserem Hof hinter den mit Stacheldraht gesicherten Zaun parken, aber er passt nicht durch das Tor.

Wir schlafen schlecht, bis wir die Idee haben, so eine Art zusätzliche Alarmanlage einzubauen: Einem Dieb würde es nicht gelingen, ohne einen Mordsradau loszukommen: denn die Ketten, mit denen wir das Auto an unseren Hofzaun binden, sind mit einer Konstruktion von Kehrblech und Mülleimer verbunden, die aber von außen nicht sichtbar ist. Werden die Ketten auch nur bewegt, kippt das Kehrblech auf den leeren Eimer.
Das reicht, um
uns im Falle eines Falles wach zu bekommen und beschert uns deshalb einen guten Nachtschlaf.

Die Straßen außerhalb des Ortes sind übrigens tip-top in Ordnung. Kein Auto weit und breit. Und wenn, dann ein nagelneuer deutscher Wagen der Luxusklasse mit bulgarischem Kennzeichen. Ausländer gibt es hier nicht.

Mittelklassewagen sind Rarietäten.

Die mutmaßlichen Roma im Dorf unterscheiden sich zunehmend untereinander. Je länger wir bleiben, desto besser lernen wir eines: Roma ist nicht gleich Roma. Man bittet uns um Geld. Aber wenn wir nichts geben, bleibt man weiterhin freundlich. Und wenn wir was geben, kommt man wieder. Meist mit einem Freund oder einer Freundin.

Man kann gemütlich beisammen sitzen und Tee trinken. Dabei wird aneinander vorbeigeredet, denn wir sind des Bulgarischen nicht mächtig.

Wir werden mit Gemüse und Käse beschenkt.

Als wir das Dorf wieder mit unserem Auto verlassen, winken uns viele hinterher.

Auf der Höhe von Sofia begegnen wir dann dem ersten Auto mit ausländischem Kennzeichen.

Natürlich eine deutsche Luxuskarosse. Und dann gleich dahinter noch eine und dann noch eine. Alles Wiesbadener. Was machen die denn hier?

Und dann braust uns ein Pulk bayrischer SUVs mit getönten Scheiben entgegen. Münchner. Und gleich darauf kommen diverse Frankfurter. Der Strom schicker deutscher Autos reißt bis zur Grenze nicht ab.

In Bulgarien ist das Durchschnittseinkommen sehr niedrig. Dafür sind die Energiepreise auf deutschem Niveau.

Es ist also kein Wunder, dass im Landesinneren so wenige Autos unterwegs waren. Über die Kolonnen der Luxusautos kann man sich aber durchaus wundern.

Wir haben viel erfahren in den drei Wochen und einiges gelernt. Und obwohl wir nicht ein einziges Mal auch nur um einen Stotinki beschummelt worden waren und nur freundlichen Menschen begegneten, stellen wir erstaunt fest, dass unser Misstrauen gegenüber den Roma-Bulgaren bezüglich des Autos nicht ausgeräumt ist.

Kultur sitzt tief.

 

 

 

von Elisabeth Göhring

„Config in DNS“ hat die Einschätzung „Trial“
„Immutable servers“ ist einfach super, und das wird auch noch eine ganze Weile so bleiben.
„Logic in stored Procedures“ steht dagegen nur noch auf „Hold“.
Als ich – auch noch verspätet – den Vortragsraum betrete, wird mir ganz schnell klar: Ich bin nicht Adressat dieses Vortrages. Die IT-Consultingfirma „Thougtworks“ berichtet über ihre Einschätzung der verschiedenen Techniken, Tools, Plattformen und Programmiersprachen. Ganz klar, dieser Abend ist den Informatikern gewidmet.

Trotzdem lausche ich gebannt, vor allem als der Vortragende Erik Dörnenburg über mobile Techniken referiert. In diesem Bereich würde sich auch ein Blick nach Afrika lohnen, meint er. Die dortigen Verhältnisse – kaum Internet, es sei denn über Mobile Modems – machen erfinderisch.
Anwendungen für Geldübertragungen via Textnachricht wie M-PESA für den Kontolosen Zahlungsverkehr bedeutend.

M-PESA wurde allerdings unter Mitwirkung von Vodafone ins Leben gerufen. – Vodafone ist auch der Partner bei den Lounches dieses Dienstes in Südafrika, Indien, Ägypten, Ätiopien und Afganistan in Kooperation mit jeweiligen lokalen Anbietern.

Obwohl in den letzten 5 Jahren 9 neue Glasfaserkabel verlegt wurden, reicht das gerade mal, um die Küsten zu versorgen. Ägypten, Tunesien und Marokko liegen mit ca. 40% der Bevölkerung mit Netzzugang ganz gut im Rennen. Das Inland des Kontinents muss anders versorgt werden. Zum Beispiel mittels Funk.

Im Kongo und in Niger zum Beispiel haben nur etwa 1% der Bevölkerung Netzzugang. Ein Großteil der Menschen dort hat allerdings so schwerwiegende Probleme, dass der Netzzugang zunächst unwichtig scheint.
Anwendungen, die zum Beispiel mittels SMS Agrarkurse abrufbar machen und somit den Bauern helfen, den Händlern nicht mehr gänzlich ausgeliefert zu sein, sind aber Beispiele dafür, dass die technologische Entwicklung auch in solchem Umfeld Nutzen bringen kann.

Viele der finanziell meist mager ausgestatteten afrikanischen Krankenhäuser verwenden ein für sie kostenfreies elektronische Medical Record Software, das aus einem sozialen Impuls heraus von der Open Source Community zur Verfügung gestellt wird. Firmen, die Corporate Responsibility groß schreiben und auch in Afrika operieren, lassen ihre Mitarbeiter gerne zwischen den kommerziellen Projekten an solchen Programmen schreiben.

Natürlich gibt es auch eine Kehrseite: Nach und nach entsteht in Afrika so eine Infrastruktur, die in Kombination mit dem Mangel an individuellen Schutzrechten von Patienten die ideale Umgebung für zweifellos wichtige klinische Tests ergeben. – Tests, für die man selbst nicht unbedingt zur Verfügung stehen wollte.

Ein besonders prominentes Beispiel für in afrikanischem Umfeld technologisch sinnvolle Innovation ist die Firma mPedigree:
Um die Fälschung von Medikamenten einzudämmen, entwickelte sie ein System zur Verifizierung mittels Rubbel-Karten. mPedigree liefert den Pharmafirmen Sticker mit Nummernkombinationen zum freirubbeln. Die Endkunden prüfen diese Nummern via SMS bei dem mPedigree-Service.
Für diese Anwendungen erhielt die Firma mehrere Innovationspreise.



Ich befrage einen Spezialisten für afrikanische Technologieentwicklung des ethnologischen Instituts der Universität Halle, Prof. Rottenburg, nach seiner Sicht auf das Thema. Er eröffnet einen anderen Blickwinkel:
Erfindungen seien keinem Ort zuzuschreiben, und Afrika sei auch kein Ort, sondern ein großer Kontinent mit vielen, sehr unterschiedlichen Zonen. Die von mir aufgezählten technischen Produkte seien kontextuell entstandene Neukombinationen von Vorhandenem und in internationaler Zusammenarbeit entwickelt. Die Entwickler kämen meist aus aller Herren Länder und bauten auf Erfindungen, die aus aller Herren Länder stammen. – Auch in Afrika.

Allerdings, so Prof. Rottenburg, eröffneten regionale Bedingungen wie zum Beispiel der Stand der individuellen Schutzrechte oder technische Infrastrukturen gewisse Räume, in denen sich die internationalen Konzerne Möglichkeiten suchen oder Chancen wahrnehmen, um Produkte zu entwickeln, die den Umständen Rechnung tragen.
M-Pesa zum Beispiel konnte erfolgreich werden, da es in einigen Ländern Afrikas schwierig ist, ein Bankkonto zu führen. – Zudem sind Handys weit verbreitet. Das ist der Kontext. Und die Technik dazu kam eben aus internationalem Umfeld. Die Textnachricht war zum Zeitpunkt des Markteinritts von M-Pesa auch nicht mehr die neuste Technologie.

Auch mPedigree hat seine Vorgeschichte: die Kunden benötigten einen zuverlässigen Schutz vor gefälschten Medikamenten. Die Hologramme, die laut Erik Dörnenburg zuvor eingesetzt worden waren, konnten diese Sicherheit nicht mehr bieten. Somit entstand der Wert der Verifizierung, ein Service, der hierzulande von unabhängigen Instituten übernommen wird.

Sind das wirklich alles nur Kontext-Erfindungen oder kann man doch gewisse kulturelle Faktoren beobachten, die diese Art der technischen Innovationen begünstigen?

Es fällt auf, dass es einen Mangel an Institutionen gibt. Die Leistungen der Institutionen, zum Beispiel Geldtransfer oder Medikamenten-Verifizierung, werden
aber dennoch benötigt. Trotzdem schafft man keine Institutionen sondern hält das Ganze auf einem unmittelbar nachvollziehbaren kommunikativen Level. Dem Handy vertraut man wie dem Mann an der Tankstelle oder dem Apotheker. Vielleicht sogar noch etwas mehr, denn da gibt man nichts aus der Hand. Das Handy ist irgendwie
persönlich.

Medikamente können nur gefälscht werden, weil der eine oder andere Apotheker bereit ist, einen Schwung gefälschte Ware an die Kranken zu verkaufen und daran zu
verdienen. Wahrscheinlich traut dieser Apotheker auch eher dem Versprechen eines Händlers, der ihm Gewinne verspricht und vielleicht zusichert, dass die Fälschungen eben so gut seien wie die Originale, als einem anonymen gigantischen Pharmakonzern.

Kontextsensibilisierung? Das reicht nicht.
Nicht Innovationen aus dem Nichts sind das Interessante bei dem Blick auf Technik in Afrika, sondern der kreative Umgang mit vorhandenen Ressourcen und institutionellen Bedingungen.

Und vor allem, was hinter diesen Bedingungen ursächlich steckt: Kultur natürlich – und nicht nur die afrikanische…

von Elisabeth Göhring

Manchmal funktioniert das Berufsleben wie ein Malefizspiel: Man taktiert mit einander so lange, bis man merkt, dass der Sieg nun nicht mehr teilbar ist. Dann wird die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und der Partner rausgeschmissen. Wenn möglich. Auch wenn man sich persönlich doch ganz gerne hat. Zu dem 100sten Jubiläum der Röntgendiffraction wurde genau so eine Geschichte wieder aufgetischt, und ich werde mich im Folgenden bemühen, das Ergebnis meiner Auseinandersetzung mit „dem Fall“ in einfachen Worten und  vor allem kurz und klar darzustellen:
Es geht hauptsächlich um zwei Akteure, das Spielfeld ist die Physik, und dem Sieger winkt der Nobelpreis.



Man schreibt in München das Jahr 1912.
Der eine Hauptakteur ist Arnold Sommerfeld (1868-1951).
„Einstein war das Genie, Planck die Autorität und Sommerfeld der Lehrer“, sagt ein A. Hermann über das Dreigestirn des deutschen Physik-Himmels.
Sommerfeld erweiterte den fachlichen Austausch um das Format der „Mittwochskolloquien“, bei denen er normalerweise selbst nicht anwesend war, aber immer eine Kiste Zigarren spendierte. Eine viel gelobte Institution, bei der es zu wichtigem fachlichen und informellem Austausch kam.

Heisenberg bezeichnete die „Sommerfeldschule“ sogar als „ein Erziehungsheim für Physikalische Babys“*, einer Gruppe, der er auch einmal gerne angehörte.
Sommerfelds Babyschule entsprangen unter anderem: Hans Bethe, Werner Heisenberg, Wolfgang Pauli, Linus Pauling, Peter Debye, Isaac Rabi, Max von Laue. Eine respektable Liste!

Der andere Hauptakteur ist Max von Laue (1879-1960), derzeit nur Privatdozent an Sommerfelds Münchener Institut für theoretische Physik, späterer Nobelpreisträger und Namensgeber wissenschaftlicher Institute.


Und das ist der Spielstand: weltweit wird fieberhaft nach einer Theorie für jüngst entdeckten Röntgenstrahlen gesucht. Fachübergreifende Forschung war unvermeidlich
geworden: Auf der atomaren Ebene trafen sich Chemie und Physik.
Sommerfeld hat gegenüber der Uni-Direktion durchgesetzt, die theoretische Physik experimentell zu erweitern: ihm wurde gerade eine weitere Assistenten-Stelle und ein Raum für Experimente zugebilligt. Sommerfeld jagt Röntgen, der es nach kurzem Schmollen sportlich nimmt, den frischgebackenen Doktor und genialen Experimentator  Friedrich ab.

Die ersten Experimente im neuen Labor sind leider nicht erfolgreich.
Das Thema der Interferenzmuster bei Durchstrahlung von Materialien ist in Fachkreisen viel diskutiert. Versuche mit Kristallen waren durchgeführt worden und erfolglos  geblieben. Es gibt jede Menge zu tun!

Laue ist auch am Thema. Er brennt darauf, Experimente mit Kristallen zu machen, die er einer „fluoreszierenden“ Strahlung aussetzen will, um Interferenzmuster zu  erhalten.
Nun, das klingt zunächst einmal nicht so überzeugend. Warum die diffusen Strahlen nutzen, wenn es doch mit gebündelten, polarisierbaren eigentlich viele besser gehen
müsste.

Sommerfeld ist nicht überzeugt von Laues Idee, und Sommerfeld ist der Chef.

Laue sieht sich jetzt an dem Punkt, an dem er taktiert. Er jagt seinerseits den frisch gebackenen Doktor seinem Chef heimlich ab und experimentierte mit Friedrich und Knipping, was sein Chef nicht vorgesehen hatte. Mit Erfolg.



Jeder weiß: durch Erfolg ändert sich alles.
Hätte es nicht geklappt, hätte es
wahrscheinlich kein Zerwürfnis zwischen Sommerfeld und Laue gegeben. Sommerfeld feiert Laues Entdeckung aber trotzig mit seinen beiden Assistenten, Laues heimlichen Helfern – und ohne Laue. Darüber ist Laue zutiefst verletzt. Noch 1920, 8 Jahre nach dem Vorfall schreibt er an Sommerfeld: »Warum haben Sie mich ausgeschlossen, als Sie mit Friedrich und Knipping und anderen jüngeren Fachgenossen die Entdeckung der Röntgenstrahlinterferenzen feierten?«

Sommerfeld ist auch zutiefst verletzt: er meidet Laue, wenn möglich. Sein Ärger hindert
ihn aber nicht daran, ihn für einen Lehrstuhl zu empfehlen. Arnold Sommerfeld gelingt es, Fachliches von Persönlichem zu trennen.

Acht Jahre nach der Entdeckung Laues, die es ermöglichte, Kristallstrukturen mittels Interferenzmuster zu entschlüsseln und nach der verzögerten Entgegennahme des Nobelpreises nach dem ersten Weltkrieg versöhnen sich der ehemalige Chef und sein ehemaliger Substitut.

Der Erfolg wäre teilbar gewesen.

Aber es ist gelaufen wie beim Malefiz.
Schade eigentlich.

Prof. Helmut Dosch, der bei einem Vortrag die Geschichte der Röntgendiffraction aufrollte, sagte: „Ein glücklicher Zufall (zum Beispiel ein gelungenes Experiment mit überraschendem Ausgang) muss auf einen vorbereiteten Geist treffen, damit daraus eine geniale Entdeckung werden kann.“

Ich wage es nun, Professor Doschs Ausspruch zu übertragen: eine erfolgreiche Unternehmung braucht eine
Kultur, die den Erfolg ermöglicht. Diese Kultur war im Falle der Entdeckung der Röntgendiffraktion durch Laue von Sommerfeld geschaffen worden.

Peter Debye, ehemaliger Assistent von Sommerfeld, beschreibt es in einem Brief so:
“Die Laue’sche Entdeckung ist sehr schön und ich freue mich sehr so nebenbei, dass unsre Urteile über ihn durch dieselbe nun einen glänzenden äußeren Anstrich aufweisen können. Zwar soll man bei solchen Sachen im allgemeinen Verdienst und Zufall nicht gegeneinander abwägen, aber eines muss ich sagen. Hättest Du dich nicht schon lange für Röntgenstrahlen interessiert, hättest Du nicht die Mittel Deines Instituts in liberalster Weise zur Verfügung gestellt und nicht jedem immer freien Einblick in Deine Gedanken gewährt, es wäre Laue nicht eingefallen und er hätte vor allem nicht die praktisch geschulten Mitarbeiter gefunden, welche unerlässlich zum Gelingen waren. So kommt es, daß ich das Gefühl habe, Dich zuerst zu diesem Erfolg gratulieren zu sollen.”**

Sommerfeld hatte Institutionen für freien, regelmäßigen Austausch geschaffen. Und so konnte sich aus einer zwanglosen Plauderei mit dem Kollegen Ewald die zündende Idee für Laues Experiment ergeben***.
Das entdeckte das Laue-Team.
Daraus ein
Kristallgitter zu bestimmen, ist keine Kleinigkeit.

In einer anderen, von Misstrauen und Ehrgeiz geprägten Umgebung hätte Ewald vielleicht nicht das fehlende Puzzelstück zur Verfügung gestellt.
Das Labor, in dem erfolgreich experimentiert wurde, war auf Initiative Sommerfelds eingerichtet worden. – Es war nämlich keine Selbstverständlichkeit, dass ein Institut für theoretische Physik einen Experimentier-Raum unterhielt. Und natürlich hatte Sommerfeld die beiden Assistenten rekrutiert, ohne die Laues Experiment wahrscheinlich nicht gelungen wäre.
Keine Frage: Sommerfeld schuf die Umstände, innerhalb derer Laue seine Idee entwickeln und nobelpreiswürdig umsetzen konnte.
Sommerfeld ermöglichte den Erfolg.

Das Problem entstand durch die Rolle des Chefs, in der Sommerfeld – nicht überzeugt von Laues Idee – dem Experiment keinen Raum einräumte. Laue dagegen hatte den freien Geist verinnerlicht: ihm ging es um die Sache. Er wollte es wissen. Dabei überschritt er die niedrige hierarchische Schwelle und verletzte damit ein
Tabu.

Jeder Chef, der „seinen Leuten“ „alle möglichen Freiheiten“ und „volles Vertrauen“ „schenkt“, tut dies von „oben nach unten“. Er könnte auch anders.

Vertrauen geschenkt oder verschenkt funktioniert nur auf Gegenseitigkeit. Nahm die offene Kultur an Sommerfelds Institut durch „den Fall Laue“ Schaden?
Abgegebene Macht kann nicht mehr beansprucht werden. – Sie muss zurück erkämpft werden.
Wer aber einmal das Fenster aufgemacht hat, um frischen Wind herein zu lassen und alte Machtstrukturen für alle gewinnbringend aufzuweichen, wird es nicht ohne Gegenwind wieder schließen können.

Laue handelte im Sinne Sommerfelds: Als freier Denker im Dienste des Fortschritts der Wissenschaften.
Oder muss man es eher so sehen: Im letzten Moment warf Laue seinen Wegbereiter raus und gewann das Malefiz-Spiel für sich selbst?

Über all das sollte man nachdenken und diskutieren, denn solche „Geschichten“ gehören nicht nur der
Vergangenheit an: das große Malefiz-Spiel läuft noch!



ANHANG:
*Zitat nach Eckert – (Acta Crystallographica Section A/Foundations of Christallography / ISSN 0108-7673/Summer 2011)
Vielen Dank an Michael Eckert für die Zusendung des Artikels!
** Peter Debye an Arnold Sommerfeld, 13. Mai 1912. München, Archiv des Deutschen Museums, Signatur: HS
1977, Transkription derzeit nicht im Online-Archiv. Vielen Dank noch einmal an Michael Eckert.
***(http://www.iucr.org/__data/assets/pdf_file/0010/721/chap4.pdf) Festschrift von Ewald 1962 zu „50 Years Of
X-Ray Diffraction“
(Hier kann man auch schöne Photos der Ergebnisse und der Apparatur finden!)
Vielen Dank an Frank Lehner und Prof. Helmut Dosch vom DESY, die mir Unterlagen und weiterführende Informationen zur Verfügung stellten.
Bei weitergehendem Interesse kann ich das Archiv der Deutschen Museum (http://www.deutschesmuseum.de/de/archiv/) empfehlen.
Einblicke in die Diffraktion bietet wie immer Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%B6ntgendiffraktion

…findet der Bestseller-Autor Davis Mitchell das Etablieren von Corporate Cultures.


Ein Gespräch über Wurzeln, Werte und Kulturen

Elisabeth Göhring/David Mitchell

In „Der Wolken-Atlas“ entwirft David Mitchell das Szenario einer „Konzernokratie“, das die extreme Fortführung und auch das Ende unserer derzeitigen Ordnung skizziert: Die Menschen werden je nach Herkunft und Leistungspotenz in Konsumentenklassen mit unterschiedlichen Privilegien aufgeteilt. Die Macht wird von den Führern der Konzerne ausgeübt, die künstliche Städte erbauen ließen, zu denen nur die oberen und mittleren „Konsumentenklassen“ Zutritt haben.
Den Großteil der einfachen Arbeiten erledigen dort künstliche Sklaven, denen jeder menschliche Wert abgesprochen wird. Die breite internationale Unterschicht drängt sich auf  verseuchter Erde um die Konsumzentren.

Beeindruckt von den Skizzen dieses und anderer Szenarios fand folgendes Gespräch im September 2013 in West-Cork/Irland statt.

EG: Wie würdest Du diesen Satz beenden: „Gier und Machthunger werden immer stärker sein als —–.“?

DM: Nachhaltigkeit und Mäßigung.
Um echte Nachhaltigkeit zu schaffen, muss aber die Verletzbarkeit unserer Welt erst wieder neu erspürt werden.
Unser Paradigma von Nachhaltigkeit ist beschränkt.
Die Komplexität des Themas behindert den Blick auf das Ganze.

Hier in der Gegend leben zum Beispiel „Traveler“, wie man in Irland die Zigeuner politisch korrekt bezeichnet.
Sie verweigern sich der Müllentsorgung, weshalb viele Leute sie als Umweltverschmutzer beschimpfen. Plastikmüll in die Landschaft zu werfen, bedeutet nachhaltigen Schaden.
Wenn ich aber beobachte, wie diese Menschen leben, stelle ich fest, dass sie wesentlich weniger verbrauchen als ich: Sie nutzen zum Beispiel einen Pferdewagen, um zum Supermarkt zu fahren, während ich das Auto nehme. Und sie leben auf so engem Raum mit so wenig Komfort, dass ich mich wirklich fragen muss, wer denn hier die Umweltverschmutzer sind.
Außerdem hat ihre Lebensweise kein Plastik hervorgebracht. Das war unsere.
Was ist hier nachhaltig und was maßvoll?

EG: Welchen Gemeinschaften gehörst Du an?

DM: Ich gehöre zu meiner neuen Familie – meiner Frau und meinen Kindern -, meinem Dorf und den Nachbarn, zu der Gemeinschaft der Zugezogenen von West-Cork.
Wenn ich unterwegs bin, bin ich Brite. In den USA West-Europäer. Außerdem bin ich Schriftsteller.
Die Stärke der Zugehörigkeit ist abhängig vom Kontext, also fließend.

EG: Was macht das „Zu-etwas-gehören“ aus?

DM: Wenn man auf Gegensätzliches trifft, wird man sich seiner eigenen Zugehörigkeit bewusst. Es gibt die genetische Zugehörigkeit und die durch die Sozialisation geformte. Erziehung prägt. Erfolg und Misserfolg formen.

EG: Wie wichtig ist Geld?

DM: Man kann Glück nicht kaufen. Aber Geld kann das Unglück der Armut beseitigen.

EG: Gibt es aus Deiner Sicht ein Entkommen aus der Spirale der „economy of scale“?

DM: Nein. Es gibt keinen Ausweg. Unsere Zivilisation wird untergehen. Mit dem Ende des Erdöls wird eine schnelle und schmerzhafte Transformation stattfinden. Der Kollaps ist nicht gleichzusetzen mit der Annullierung der menschlichen Gesellschaft. Er wird aber neue Paradigmen ermöglichen. Sie werden zwar keine Utopien aber auch keine Dystopien realisieren.
Wie auch immer, der einzige Weg aus unserer Planeten-verspeisenden globalen Gesellschaftsform ist, dass diese Gesellschaftsform sich selbst frisst. Ich befürchte, es wird  schlimm werden, aber vielleicht kommt danach etwas Besseres.
Im Moment sind wir als Zivilisation absolut hoffnungslos Öl-abhängig. So sehr, dass wir uns andauernd alle möglichen Lügen und Ausreden ausdenken, es wäre nicht so. Wir sind Öl-Junkies und tun alles dafür, mit unserer Sucht möglichst so zu leben, dass es so aussieht, als wären wir freie Individuen. Aber wir sind Abhängige.

EG: Wie könnte eine Gesellschaft aussehen, die in dieser Welt funktioniert?

DM: Bescheidenheit wird nötig sein. Die Umwelt wird uns „Lösungen“ aufdrängen, die wir wahrscheinlich nicht mögen werden.
Das was uns als Spezies erfolgreich macht, ist auch das, was uns den Kollaps herbeiführen wird: der Appetit auf mehr.
Wir Menschen sind diesem Appetit nicht einfach ausgeliefert. Wir haben die Möglichkeit, uns eine Diät zu verordnen und diese als zivilisatorische Spirale zu entwickeln.

EG: Ganz konkret?

DM: Mehr Lokalität. Niedrigerer Energieverbrauch. Hoher Level an Technologie und Medizin. In unserem Bewusstsein werden die Interessen unserer Enkel sein.
Mehr Eichen statt „Sitka Spruce“. (Anm. der Red.: Sitka Spruce = schnell wachsender Nadelbaum) Technologie und kreative Ingenieursleistungen werden eine große Rolle spielen. Ich will keine agrikulturelle mittelalterliche Vergangenheit romantisieren. Nein. Antibiotika sind eine großartige Erfindung! Syphilis ist furchtbar.

EG: Wie wichtig sind ethnische oder historische Wurzeln?

DM: Die ethnischen Differenzen sind wichtig – aber fiktional.
Nationale Historie wird von nationalen Instanzen geprägt: durch Historiker, die Medien und uns. Es entsteht ein Kreislauf des Erzählens. Die Geschichte ist im Fluss.
Wichtig ist ein Bekenntnis zu den Fehlern der Vergangenheit. Ich habe größten Respekt vor der deutschen Erinnerungskultur, die weltweit vorbildlich ist: dass in der Mitte der Hauptstadt dem Holocaust gedacht wird!
Deutsche haben schwere Schuld auf sich geladen. Aber du nicht.

EG: Was ist „gut“?

DM: Kurz und frei nach Kant: „Behandle andere so, wie Du gerne behandelt werden willst“. Kenne dein Gewissen und höre auf es.

EG: Kann ein Unternehmen „gut“ sein?

DM: Es kann Gutes tun. Es kann Schlechtes tun. Aber ein Unternehmen ist nur eine metaphorische Entität.
Der Appetit der Unternehmen ist bedrohlich, so wie unser aller Appetit gefährlich ist.
Ein Unternehmen auf dem Höhepunkt seiner Macht ist eine Gefahr für die Demokratie.

EG: Wie viel Veränderungspotential in Bezug auf systemischen Organisationen traust Du den individuellen moralisch gesteuerten Entscheidungen zu?

DM: Die Individuen formen und beeinflussen die Organisation. Es passiert doch immer wieder, dass Menschen aus einer Organisation oder auch von außerhalb tatsächlich etwas verändern.
Politischer Aktivismus ist aber der eigentliche Weg, um Organisationen zu verändern. Organisationen werden nicht aufgrund von geäußerten Bedenken Einzelner verändert, aber sehr wohl durch den Massen-Druck in öffentlichen Netzwerken.

EG: Kann eine konstruierte Unternehmenskultur mehr sein als eine leere Hülle? Und wenn ja, was bewirkt das Arbeiten für einen Konzern in einem definierten kulturellen Kontext an einem Menschen?

DM: Ja, eine konstruierte Unternehmenskultur ist mehr als eine leere Hülle. Aber es ist eine gefährliche Angelegenheit, weil es die Leute verrückt macht. Zum Beispiel habe ich erlebt, wie ein sehr erfolgreiches Internetunternehmen die Leute sogar auf der Toilette zu mehr Kreativ-Leistung ermuntert hat. Die Mitarbeiter haben also die Wahl, sich entweder in die Ideologie zu fügen und damit verrückt zu werden oder lediglich bis zum Feierabend zu überleben.
Eine konstruierte Unternehmenskultur ist gefährlich, weil sie lediglich die positiven Aspekte betont und die negativen verheimlicht. Das ist ein bisschen wie Gehirnwäsche.

EG: Vielen Dank für das Gespräch
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 Irland, Sept.2013

von Elisabeth Göhring mit Illustrationen von Olaf Böckmann

„Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ von David Mitchell ist nicht nur ein wunderschön und spannend geschriebener Historienschmöker, sondern auch aus unternehmungskultureller Sicht hoch interessant.

Der englische Erfolgsautor des „Wolkenatlas“ beschreibt, was die Menschen einer Gesellschaft oder einer Unternehmung zusammen hält: der gemeinsame Feind, die gemeinsame  Herausforderung, der gemeinsame Erfolg. Aber auch Geld, Hoffnung und Mangel an Alternativen. Und dann gibt es noch Liebe, Freundschaft, Neugierde, Abenteuerlust, Glaube und Regeln. – Alles in allem ein wilder Cocktail unterschiedlichster Motive.



Aber auf mehr als 500 Seiten ist ja auch Platz genug, auf die einzelnen ausgiebig einzugehen.

Die Geschichte des Holländers Jacob de Zoet spielt um 1800 in Japan. Währen die Europäer zu dieser Zeit die restliche Welt plündern, schottet sich Japan hermetisch gegen Fremde ab. Niemand darf raus. Niemand darf rein. Bei Todesstrafe.

Der Held der Geschichte muss in einem streng abgeschlossenen Vorposten vor Nagasaki einer holländischen Handelsfirma dienen.
Hier treffen aus aller Herren Länder Menschen zusammen und bilden eine neue Kultur, die geprägt ist durch das Recht des Gewiefteren und die Firmenhierarchie. Es geht darum, möglichst große Profite zu machen.

Die Japanische Gesellschaft dagegen ist geprägt durch die stolzen Clan-Hierarchien, denen man sich strikt zu unterwerfen hat. Die Familien werden ohne Liebe wie Betriebe geführt. Es geht um ein Stück Unsterblichkeit durch den Namen und das Weiterleben in den Nachkommen. Die klar definierte Hackordnung und drastische Strafen halten die Ordnung aufrecht.

Eine Liebesgeschichte entspinnt sich zwischen einer japanischen Hebamme und dem Titelhelden Jacob.
Die Hebamme wird aber bald wegen ihrer Fähigkeiten gezwungen, in einem Kloster zu dienen. Dort soll sie dafür sorgen, dass die Sterblichkeitsrate der Nonnen, die dort im Namen einer Fruchtbarkeitsgöttin alle zwei Jahre ein Kind bekommen, sinkt.

Die Kinder werden den Nonnen
gleich nach der Geburt weggenommen und angeblich in Pflegschaft gegeben. Im Wirklichkeit aber werden die Kinder zu lebensverlängernder Medizin verarbeitet, mit denen sich der Betreiber des Klosters Vorteile und Reichtum verschafft.

Das Bild des Klosterberges ist das auf die Spitze getriebene Bild des nicht nur japanischen Brauchs, Frauen zur Erzeugung von Nachkommenschaft zu „verwenden“.
Man kann es auch
als Symbol für die Produktion von „Human Resources“ sehen.


Die Hebamme entdeckt den Betrug – allerdings nicht in seinem vollen Umfang – und lässt sich auf Kompromisse ein. Berufsethos gegen „allgemeine“ ethische Bedenken? – Ein interessanter und aktueller Fall.



Der junge Jacob de Zoet ist ein kluger und rechtschaffener Kopf. Er meinte im Namen der holländischen Handelskompanie für eine gute Sache, sein Land und gegen Korruption zu arbeiten, wird aber tatsächlich von seinen skrupellosen Chefs missbraucht. Nach und nach muss er feststellen, dass im Namen der Handelskompanie übelste Geschäfte getätigt werden.

In dem Moment, als er sich weigert mitzumachen, wir er degradiert.
Obwohl er desillusioniert ist, hat er keine Möglichkeit, seinem Angestellten-Dasein zu entkommen.

Besonders interessant wird die Geschichte, als ein englisches Kriegsschiff den holländischen Handelsposten in Japan angreift.
„Was hat die Fahne jemals für dich getan?“ fragt der aufgeklärte Arzt seinen Freund Jacob, als sie unter englischem Beschuss neben ihrer Flagge Posten halten. „Vielleicht haben wir sonst keinen Platzt, an den wir gehören?“„Oder wir sind einfach sture Fußsoldaten“ – und sie beharren auf dem was ist.

In diesem kurzweiligen, spannenden Buch ist so viel drin, was einen über Unternehmungs- und Unternehmenskultur nachdenken lassen kann.

Empfehlenswert!

von Elisabeth Göhring

1984 ist Schnee von gestern.


Mae Holland ist 24 Jahre alt und hat seit ihrem College-Abschluss bereits ein Jahr Berufseinsteigerschock hinter sich.
Das ganze Programm mit Grusel-Büro und sich aufspielendem Chef.


Dann schafft sie es in eine der top, nein, die top Computerfirma, den „Circle“, den SocialMedia Nabel der Welt!
Die Mitarbeiter sind alle jung und wollen sich beweisen, dankbar, nicht mehr in verstaubten Büros klein gehalten zu werden und statt dessen für ein gutes Gehalt mit netten Leuten etwas leisten zu dürfen. Und sie sind unbegrenzt leistungsbereit! Sie wollen die Welt verbessern mit  ihrer enormen Kreativität, Kraft und intelligenter Power!

Circle bietet seinen Mitarbeitern viele Vergünstigungen. Als Maes MS-kranker Vater Probleme mit der Krankenkasse bekommt, wird er in die Firmen-Versorgung aufgenommen. Außerdem werden die Mitarbeiter mit den neusten Top-Produkten kostenlos versorgt. Sie dürfen sich einfach im Firmenshop bedienen. Präziser formuliert: sie sollten sich im Firmenshop bedienen und dann in den sozialen Medien über die  Produkte schreiben. – Alles natürlich freiwillig aber beobachtet und öffentlich gemessen.
Das exakte Ausmaß der
Teilhabe an allgemeinen und SocialMedia-Aktivitäten ist Gegenstand ernster Personalgespräche.

Bald gibt es für Mae keinen Grund mehr, das großartige Circle-Betriebsgelände zu verlassen, denn man bekommt dort schlichtweg alles. Nach den Partys, Nachtsitzungen, Besuchen in verschiedenen Interessengruppen, die natürlich alle freiwillig sind, sich aber im Teilhabe-Ranking niederschlagen, kann man auch auf dem Areal angemessen übernachten. Und was wartet schon jenseits des Zaunes? Eine leere Wohnung, gefährlich Straßen, eine nicht perfekte Welt mit all denen, die es nicht geschafft haben.

Die SocialMedia-Aktivitäten eines Mitarbeiters wirken sich auf den kommerziellen Wert, die seine Empfehlungen erreichen können, aus. Dabei geht es um viel Geld. Mae Hollands Empfehlungen kommen gut an. Sie ist beliebt, weil sie sympathisch und engagiert ist.
Mae ist stolz darauf, dass sie für ihre Firma so viel erwirtschaftet und spürt die Macht, die der Circle ihr verleiht.



Bis hierhin orientiert sich das Buch noch sehr an der SiliconValley-Realität:

Die Zahlen für Umsatz pro Mitarbeiter lassen sich zum Beispiel bei Google und Co durchaus sehen. Apple kann zum Beispiel aus jedem Mitarbeiter mehr als 400.000, Dollar pro Jahr rausholen. Nicht schlecht?

Im Sommer 2013 waren im Durchschnitt das Alter bei Google 29 und die Verweildauer im Konzern trotz „Rundumsorglospaket“ nur etwas mehr als ein Jahr.
Die kurze aber intensive Verweildauer scheint sich deutlich positiv auf den Gewinn pro Mitarbeiter auszuwirken. Die google-Mitarbeiter schaffen noch erheblich mehr als die von Apple.
Jüngere Mitarbeiter leiden auch seltener an schweren Krankheiten, benötigen nicht so viel Zeit für ihre Familie und sind nach sechs Doppel-Schichten immer noch gute Laune. – Ganz im Gegensatz zu einem Mitarbeiter in den mittleren Jahren.

Der Autor Dave Eggers entwirft vor diesem Hintergrund allerdings ein zunehmend beängstigendes Szenario: aus seiner fiktiven Firma geht man nicht so einfach. Man wird mit Haut und Haaren vereinnahmt. Transparenz und Leistungsdenken erstrecken sich bald auf alle Bereiche des Lebens. Keine Party ohne Fotos. Kein Sex ohne Noten.
Die Mitarbeiter des Circles sind tatsächlich „gebrandet“.

Eggers führt einen in ein beklemmendes Orwell-Scenario, in dem es keine Privatsphäre mehr gibt, nur noch gegenseitige Überwachung. Um 100%ige Perfektion und Sicherheit zu erreichen, soll alles Unbekannte und Dunkle abgeschafft werden. Alle Daten werden erfasst,  gesammelt, ausgewertet. Nichts wird gelöscht.

Die Circle-Mitarbeiter streben nach Perfektion. Sie durchleuchten alles und jeden und zuallererst sich selbst. Es scheint möglich zu sein,  100% in jeder Bewertungsskala zu erreichen. Man muss sich nur bemühen.

Mae Holland fühlt sich gut mit ihren überdurchschnittlichen Werten: Bewertung durch die Kunden, Teilhabe-Rang, Puls und BMI, Umsatz-Rate… Sie ist ein Vorbild für die Menschen innerhalb und außerhalb von Circle.

Wer aber bei diesem Wettlauf versagt, wird ausgesondert und fertig gemacht. Durch die zentralisierte Hoheit über alle Daten kann Circle seine Ziele überall durchsetzen. Er wird immer mächtiger, was aber offensichtlich zum Vorteil aller zu sein scheint: die Verbrechensrate sinkt drastisch unter den alles sehenden Augen der Circle-Nutzer, ermöglicht durch Pflaumen-große, extrem leistungsfähige und Wetter-resistente Kameras, die für jeden erschwinglich sind und überall unbemerkt angebracht werden können.



Korruption wird unmöglich, denn die Politiker lassen sich Tag und Nacht öffentlich beobachten.
Wer nicht mitmacht, macht sich verdächtig.
Wer opponiert wird denunziert und ausgeschaltet.
Alles, was man von sich gibt, kann irgendwann einmal gegen einen verwendet werden.
Die totale Demokratie wird zur totalen Tyrannei, und Mae Holland ist deren willige Protagonistin: intelligent aber nicht tiefsinnig, offen aber nicht ehrlich, Objekt und kein Subjekt mehr. Sie ist das Verbindungsglied zwischen der Firma und ihren Kunden: dem inneren und dem äußeren Kreis, der sich bald um alle schließen wird, was existieren will.


Die ganze Welt sollte sauber und hell sein, findet die 24-jährige. In einer perfekten Welt gibt es nichts mehr zu verbergen. Eine Welt, in der nichts mehr verborgen werden kann, wird perfekt werden.
Wozu braucht man die Dunkelheit, das Verbrechen und den Schmutz?
Wozu die selbstherrlichen Chefs und verstaubten Büros?

Dave Eggers stellt die radikale Frage nach Wert und Preis des Privaten, Riskanten und nicht Perfekten.
Das 491 Seiten starke Buch „The Circle“ hat durchaus seine Längen.
Spaß machen die Dialoge nur zu Beginn, denn dann kennt man die Masche. Die einzigen witzigen Gestalten, die unflätige Annie und der geheimnisvolle Kalden, haben leider nur kurze Gastauftritte. Dafür bietet das Buch aber tiefgreifende Bilder, die mit enormer fiktionaler Kraft und Fertigkeit gezeichnet sind.
Eggers deckt die systematische Vereinnahmung der Employer-Brander und die Gefahren von unreflektierten Innovationen, Sicherheitswahn und Bequemlichkeit auf. Das Buch beleuchtet die Kraft von Unternehmenskultur und ist alleine deshalb äußerst empfehlenswert.
Die fünf hochwertigen Literatur-Preise, die es gewann, und die drei Nominierungen, zum Beispiel für den Pulitzer Price, sowie das exorbitante Loblied der relevanten Presse sagen aus, dass man Leute finden wird, mit denen man einen Abend lang darüber diskutieren kann.

Wahlverwandt

Die Entwicklung der Rockerclubs ist eine organisationale Erfolgsgeschichte.

Der Organisationssoziologe Christian J. Schmid von der Technischen Universität Dortmund beforschte die Szene.

Zur Organisationskultur von Rockerclubs

von Christian Schmid

Lockere Gemeinschaften

Das Leben in unserer Gegenwartsgesellschaft ist typischerweise hochgradig individualisiert und optionalisiert. Viele Menschen schließen sich deshalb unterschiedlich intensiv Interessens- oder Gesinnungsgemeinschaften an.

Arne Niederbacher und Ronald Hitzler beobachten, charakterisieren und beschreiben Szenen.

Das Phänomen „Szene“ bietet einen Einblick in die Thematik.

Zitat

Albert Einstein

In order to be a perfect member of a flock of sheep, one has to be foremost, a sheep.

Hochenergie-Genies

„I have created two Maxi DSTs for conversion studies. The data were filtered from W slowstream output asking for standard electron cuts (eRIC + track-preshower match). There are a total 655 events on cassettes VW 0536 VW0537.“

Sprache ist kulturprägend. - Und das da oben soll Englisch sein???

Ein Beitrag über die Kultur der Hochenergiepysiker am CERN, beforscht durch D. Nothnagel.

SESAME

Synchrotron-light for Experimental Science and Applications in the Middle East ist ein Forschungszentrum, das nach Vorbild des CERN im Mittleren Osten etabliert wird.
Es soll sowohl Forschungen durch Bereitstellung von teuren Versuchseinrichtungen im Bereich der Physik, Chemie, Biologie, Archäologie und anderen Fachbereichen ermöglichen, als auch friedensstiftend in der Region wirken.
Man lasse sich die Namen der Mitgliedsstaaten in einer Reihe auf der Zunge zergehen:
Bahrain, Zypern, Ägypten, Iran, Israel, Jordanien, Pakistan, Palestinensische Autonomiebehörde und Türkei.

http://www.sesame.org.jo/sesame/

Surreales im scheinbar reinen Rationalem

"Im Ergebnis verweist die soziolinguistisch, z.T. statistisch orientierte Untersuchung darauf, dass im gegebenen Ausschnitt, der britische, deutsche, französische, italienische und US-amerikanische Sprecher/innen umfasst, geschlechtsgebundene Unterschiede keineswegs kleiner als die kulturellen sind."

Kultivierte Unschärfe[n]

von Detlev Nothnagel

Native Compatibility

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The installation package is compatible with both Joomla CMS.

Leitgedanken

 

Unternehmenskulturen sind nicht „gut“ oder „schlecht“. Aber sie können, ähnlich wie der Charakter bei Menschen, einem sympathisch oder abstoßend erscheinen. Das bleibt der individuellen Bewertung überlassen. - Man kann aber messen und bewerten, ob eine Kultur ihren speziellen Aufgaben gewachsen ist. Das Unternehmenskultur-Magazin.de stellt eine Vielfalt an Organisationscharakteren und Tools zur Messung und Anpassung von Organisationskulturen vor, ohne dabei den Blick für Menschliches zu verlieren.
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