von Elisabeth Göhring

Ist der Schwarm ein angemessenes Synonym für kollektives Verhalten in Unternehmen? In jedem Fall ist der Erfolg von Schwärmen ein Beispiel für die Sinnhaftigkeit einfachster  Regeln und viel Freiraum. – Aber wo bleibt das Individuum?
Im Spiegel 22/2012 fand ich einen aufregenden Artikel über die Arbeit zweier Wissenschaftler, die belegen konnten, dass es Politik und funktionierende INKLUSIVE, also den Großteil der Bevölkerung integrierende Institutionen sind, die eine Nation nachhaltig erfolgreich machen. Mit anderen Worten: Wir im reichen Norden haben unsere Erfolgsstory  selbst geschrieben, weil unsere Eliten in der Lage waren (oder hinreichend gezwungen wurden), Privilegien abzugeben. Das hört man doch gerne.

Beide Autoren sind nicht irgendwelche Wissenschaftler. Nein, sie arbeiten am MIT und in Harvard. Da weiß man, was man hat.
Ich war nicht die einzige, die den Wert der Botschaft des Buches erkannte.
„Warum Nationen Scheitern“ von D. Acemoglu und J. A. Robinson ist ein Bestseller.
Das Buch wurde mit großer Detailkenntnis und großer Unschärfe aus nordamerikanischer Sicht verfasst. Es nimmt keine extreme Position ein, behauptet nichts Spektakuläres und ist extrem erfolgreich.
Das Geheimnis: elitäre Wissenschaftler belegen, was MAN glauben will. - Hätten sie etwas Unbequemeres bewiesen, wäre ihr Buch wahrscheinlich kaum gelesen worden.
Hier wirkt die „Diktatur der Selbstverständlichkeit“ wie Heidegger die Macht der Gewohnheit in seinem Klassiker „Sein und Zeit“ nennt. Ich befinde mich als  nord-westliche Leserin in der Rolle der Jeder-MAN und bediene mich selbst mit „Sinnkontinuität“, finde Bestätigung in meinen Wertesystemen und entlaste damit meine Sinn- Orientierung. Ich lese, was ich hören will.

Das ist bequem. Das verbindet mich mit anderen. Das macht mich also auch mächtig, denn ich gehöre einer starken Gemeinschaft an.
Experimente wie das zur „Unaufmerksamkeitsblindheit“ bestätigen: Was man nicht erwartet, hat es schwer gesehen zu werden.
Umgekehrt: was wir erwarten, sehen wir. – Und da ist es wieder: das WIR, das sich auf ein JEDERMAN bezieht und eigentlich nur einen größeren Anteil der Menschen in unserem Umfeld meint.

Ich bin ein Gutmensch. Deshalb lese ich begeistert von Experimenten, die belegen, dass bessere Arbeitsbedingungen sich auf die Produktivität auswirkten und von solchen, die belegen, dass der Mensch schon als Kleinkind in Unterscheidung zum Affen ein soziales Wesen ist, das sich um das Wohlergehen seines Gegenübers sorgt.

Jedes dieser berühmten Experimente wird auch kritisiert: Ungenauigkeiten im Versuchsaufbau oder in den Rückschlüssen.
Aber woran soll man sich denn halten, wenn unser wunderbares System der wissenschaftlichen Belegung jedermänlichen Denkens nicht mehr funktioniert?
Und vor allem: sie funktionieren ja im Großen und Ganzen doch. Jedes Experiment, das kritisiert wird, wird nicht als Ganzes in Frage gestellt. Es geht meist um Details.

Die mühsame Suche nach individueller Orientierung wird dann zur Plage, wenn Details den Blick auf das Ganze
verstellen. Der allzu kritische Blick lässt Zusammengehörigkeiten zerfallen. Jede Gemeinschaft benötigt aber Toleranz, Abstand der Individuen voneinander und gemeinsame Regeln, die grob genug sind, dass sie a) jeder einhalten kann und es b) es nicht so schlimm ist, wenn sie von einer Minderheit nicht eingehalten werden.

Wer eine Corporate Culture steuern will, das heißt sie nicht einfach wachsen lässt oder Änderungen herbeiführen muss, um erfolgreicher zu werden, darf nie vergessen, dass er selbst ein Subjekt ist, das es mit Individuen zu tun hat: erwachsenen, selbstbestimmten Menschen, deren Wohl und Wehe zu mehr als 1/3 jeden Tages in der Gemeinschaft liegen und deren Rahmenbedingungen die Firmen schaffen. Es ist egal, wie groß die Firma ist. Entscheidend ist der Respekt, den die Menschen innerhalb der Arbeitsumgebung und vor allem die Führungsriege für die einzelnen Individuen verspüren. Dieser Respekt betrifft vor allem die individuellen Abweichungen vom MAN.
Die meisten individuellen Abweichungen werden von der Mehrheit – dem Schwarm – aufgefangen. Sie sind im Großen und Ganzen irrelevant. Aber es kann auch dazu kommen, dass sich daraus Richtungsänderungen der Gesamtheit ergeben.
Begegnet man den Abweichungen mit Respekt, ist man vielleicht in der Lage zu bemerken, dass es sich um keine bösartigen und völlig idiotischen Abweichungen handelt. Jedes  Verhalten hat seinen Grund.
Beobachtet man diese Abweichungen und lernt daraus, Hindernisse zu erkennen und auf sie zu reagieren, kann das zu einem Vorteil für alle sein.

Die Kultur einer Firma zum Beispiel kann man vergleichen mit dem
parasympathischen Nervensystem. Die Kultur bestimmt alle unbewussten
(nicht explizit definierten Prozesse) und reflexartigen Handlungen (z. B. definierte Prozesse).
Es gibt sehr hochentwickelte, große Organismen und sehr kleine; aber bei allen gibt es diese Form der „parasympathischen“ Entscheidung.

Jedes System IST nicht einfach, sondern erneuert sich ständig. Es ist stets im Werden begriffen, ob es will oder nicht; denn es besteht seinerseits aus lebendigen Organismen. In unserem Fall einem Schwarm an individuell kulturell geprägten Geistern, deren Schnittmenge das MAN des Systems ausmachen.

In jedem Schwarm schwimmen in der Mitte vorne irgendwo die Meinungsmacher, die Richtungsgeber, vor ihnen noch die Vordenker, die bereit sind für das durch Feuer und Wasser zu gehen, von dem sie überzeugt sind. Hinter dem Meinungsmacher befinden sich die, die gerne im Schatten bleiben, dahinter die Bremser, links die, die von der allgemeinen  Meinung eben links abweichen, und rechts die, die eben rechts Platz gefunden haben.
Aber im stetigen Metabolismus der Zeit wechseln sie die Positionen. Einige werden von Vorreitern zu Bremsern und einige werden von Mitschwimmern zu Meinungsmachern, wenn  sich der Schwerpunkt des Schwarms ändert.

Wahlverwandt

Die Entwicklung der Rockerclubs ist eine organisationale Erfolgsgeschichte.

Der Organisationssoziologe Christian J. Schmid von der Technischen Universität Dortmund beforschte die Szene.

Zur Organisationskultur von Rockerclubs

von Christian Schmid

Lockere Gemeinschaften

Das Leben in unserer Gegenwartsgesellschaft ist typischerweise hochgradig individualisiert und optionalisiert. Viele Menschen schließen sich deshalb unterschiedlich intensiv Interessens- oder Gesinnungsgemeinschaften an.

Arne Niederbacher und Ronald Hitzler beobachten, charakterisieren und beschreiben Szenen.

Das Phänomen „Szene“ bietet einen Einblick in die Thematik.

Zitat

Albert Einstein

In order to be a perfect member of a flock of sheep, one has to be foremost, a sheep.

Hochenergie-Genies

„I have created two Maxi DSTs for conversion studies. The data were filtered from W slowstream output asking for standard electron cuts (eRIC + track-preshower match). There are a total 655 events on cassettes VW 0536 VW0537.“

Sprache ist kulturprägend. - Und das da oben soll Englisch sein???

Ein Beitrag über die Kultur der Hochenergiepysiker am CERN, beforscht durch D. Nothnagel.

SESAME

Synchrotron-light for Experimental Science and Applications in the Middle East ist ein Forschungszentrum, das nach Vorbild des CERN im Mittleren Osten etabliert wird.
Es soll sowohl Forschungen durch Bereitstellung von teuren Versuchseinrichtungen im Bereich der Physik, Chemie, Biologie, Archäologie und anderen Fachbereichen ermöglichen, als auch friedensstiftend in der Region wirken.
Man lasse sich die Namen der Mitgliedsstaaten in einer Reihe auf der Zunge zergehen:
Bahrain, Zypern, Ägypten, Iran, Israel, Jordanien, Pakistan, Palestinensische Autonomiebehörde und Türkei.

http://www.sesame.org.jo/sesame/

Surreales im scheinbar reinen Rationalem

"Im Ergebnis verweist die soziolinguistisch, z.T. statistisch orientierte Untersuchung darauf, dass im gegebenen Ausschnitt, der britische, deutsche, französische, italienische und US-amerikanische Sprecher/innen umfasst, geschlechtsgebundene Unterschiede keineswegs kleiner als die kulturellen sind."

Kultivierte Unschärfe[n]

von Detlev Nothnagel

Leitgedanken

 

Unternehmenskulturen sind nicht „gut“ oder „schlecht“. Aber sie können, ähnlich wie der Charakter bei Menschen, einem sympathisch oder abstoßend erscheinen. Das bleibt der individuellen Bewertung überlassen. - Man kann aber messen und bewerten, ob eine Kultur ihren speziellen Aufgaben gewachsen ist. Das Unternehmenskultur-Magazin.de stellt eine Vielfalt an Organisationscharakteren und Tools zur Messung und Anpassung von Organisationskulturen vor, ohne dabei den Blick für Menschliches zu verlieren.
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