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Unternehmenskultur

Willkommen in der Meconomy

von Markus Albers

Spätestens die Weltwirtschaftskrise hat uns die Grenzen vieler Werte und Regeln aufgezeigt, die noch unseren Eltern Sicherheit und Verlässlichkeit boten. Wir ahnten es schon, aber jetzt war es unübersehbar – kaum noch etwas bot existenzielle Sicherheit: der lebenslange Job? Die großen Unternehmensmarken? Die Altersvorsorge? Marode oder komplett hinfällig. Die scheinbare Berechenbarkeit unseres Lebensrhythmus, der tägliche Weg zur Arbeit, das nur scheinbar vernünftige Fondssparen – alles schien plötzlich hoffnungslos veraltet. Unzuverlässig. Falsch.

Man konnte in diesen Katastrophenmeldungen eine gute Nachricht entdecken: Denn was erwartet uns statt des patriarchalischen Systems von Rheinischem Kapitalismus, Reihenhaus, Rente? Vielleicht ja ein Leben, das wir schon seit einigen Jahren vorgeschmeckt haben, das wirklich zu kosten uns aber immer zu risikoreich erschien. Ein Leben, das uns Freiheiten, Entscheidungsoptionen und Wege der Selbstverwirklichung eröffnet, die noch vor wenigen Jahren undenkbar waren.

Die Menschen hätten wieder gelernt, sich auf ihre Fähigkeiten zu verlassen, sagt Andrew Tuck, Chefredakteur der britischen Zeitschrift Monocle, der Stimmen aus aller Welt zu diesem Thema veröffentlicht: „Es gab schreckliche Verluste für viele, aber auch einige heilsame Korrekturen.“ Tuck glaubt, dass es nun einfacher ist, sich neu zu erfinden: „Ich kenne Menschen, die vom Fotoagenten zum Koch umgeschult haben oder vom Banker zum Bauern und die in beiden Bereichen gut sind. Ich finde das toll. Es ist nie zu spät, zu tun, woran einem wirklich liegt.“ Viele hätten in und nach der Krise gelernt, was sie wirklich glücklich macht.

Tu, was Du liebst, heißt es, dann wirst Du keinen Tag Deines Lebens arbeiten. Was früher nach schwülstiger Selbstfindungsromantik klang, wird heute plötzlich möglich. Nicht zuletzt die digitale Ökonomie macht es einfacher und zugleich notwendiger, Zielgruppen, Anhänger und Märkte für Tätigkeiten und Produkte zu finden, für die wir brennen. Das Leben wird zu einem Baukasten der Möglichkeiten. Modular können wir uns genau jene Teile zusammensetzen, die zu uns passen. Das ist einfacher, weil sich viele Geschäftsmodelle ändern. Doch die meisten Unternehmen haben heute noch keine Antwort auf diese Veränderungen.

Das bedeutet zweierlei: 1. Egal wie stabil und groß unser Arbeitgeber bislang war – sein Erfolg in der Zukunft – und damit unser Job – ist ungewiss. 2. Die Barrieren für einen erfolgreichen Markteintritt neuer Player sind so niedrig wie nie. Wenn niemand weiß, wie es weitergeht, können genauso gut wir es sein, die die Zukunft miterfinden. Wir sind im positiven Sinne auf uns selbst zurückgeworfen. Die kleinste sinnvolle Einheit, auf die wir uns in der Wissensgesellschaft verlassen können, ist unser Kopf. Wir selbst.

Gleichzeitig machen die neuen Kommunikationstechnologien auf der Basis von Internet und mobilen Services das Bilden, Motivieren und Mobilisieren von Gruppen immer einfacher. So kann heute jeder von uns zum Anführer seines eigenen „Stammes“ werden, wie der Marketing-Experte Seth Godin das nennt. Die heute 18- bis 25-Jährigen gelten schon jetzt als die „kreative Generation“, denn sie sind es gewohnt, nicht nur zu konsumieren, sondern genauso selbstverständlich zu produzieren. Auch dies ist für jeden von uns eine nie dagewesene Chance der Selbstverwirklichung. Wie wenige bringt Godin knackig auf den Punkt, was genau so anders ist an der neuen Wirtschaftsordnung, die wir Meconomy nennen wollen.

Er prägte den Begriff der „Tribes“, zu Deutsch „Stämme“, um die neuen Beziehungsgeflechte zwischen Menschen zu beschreiben. Stämme gab es schon immer: Die Einwohner einer Kleinstadt waren ein Stamm, alle Leichtathleten in Thüringen bildeten einen Stamm oder die Hamburger SPD-Mitglieder. Bei diesen alten Stämmen spielte die Geografie eine zentrale Rolle. Das Internet hat diesen Geografiebezug eliminiert. Heute existieren unendlich viele Stämme nebeneinander, große und kleine, horizontale und vertikale. Wir alle sind Mitglied in viel mehr Stämmen als früher: Stämme, mit denen wir gemeinsam arbeiten, reisen, einkaufen. Stämme, mit denen wir über Politik diskutieren, denen wir unsere Fotos zeigen, die dieselbe Musik mögen wie wir oder die uns ihre Kochrezepte verraten.

Wir haben immer mehr Werkzeuge zur Verfügung, um die Mitgliedschaft in diesen Stämmen zu organisieren und um uns mit den anderen Mitgliedern zu verbinden: Facebook und Xing, Twitter und Basecamp, E-Mail und Websites. Alle diese Stämme, so Godins Theorie, suchen Anführer. Und der Anführer, das können Sie sein. Am besten, Sie gründen selbst einen Stamm. Was der Gegenstand sein könnte, das Thema, das Produkt? Da horchen Sie am besten tief in sich hinein und fragen sich, wozu Sie am allermeisten Lust hätten. Was ist Ihre Leidenschaft? Wofür brennen Sie? Genau das sollte Thema Ihres Stammes werden.

Zudem müssen wir neue Fähigkeiten erwerben und können dabei neue Lerntechniken anwenden. Zum Glück gibt es dafür bereits einige Vorbilder, die zeigen, wie man in der Meconomy erfolgreich sein kann. Der Begriff des Lifehacking stammt aus der amerikanischen Computerszene. Gemeint waren ursprünglich Produktivitätstricks, die Programmierer erfanden und anwandten, um der täglichen Informationsflut Herr zu werden. Das Schlagwort des Lifehacking wurde immer erfolgreicher und dabei erweiterte sich die Bedeutung vom rein computertechnischen hin zu „eigentlich allem, das ein alltägliches Probleme auf clevere, nicht-offensichtliche Art löst“, wie es auf Wikipedia heißt.

Lifehacker sind auf der steten Suche nach Selbstverbesserung, sind immer dabei, sich neue Fähigkeiten anzueignen. Die Protagonisten dieser Lehre einerseits nah an der klassischen Selbsthilfeliteratur, agieren jedoch andererseits auf einem strikt pragmatischen und alltäglichen Level von Selbstversuch und Lebenspraxis. Sie verbreiten und vermitteln ihre teils durchaus verblüffenden Erkenntnisse in weltweiten Online-Netzwerken – Seth Godin würde sagen: Stämmen –, die ihre Ideen diskutieren und weiterentwickeln.

Fragt man Kinder, was sie später einmal werden wollen, sagen sie selten: Sachbearbeiter in einem Versicherungsunternehmen. Oder Optimierer von Google-Rankings oder Senior Account Manager. Kinder haben konkrete, handfeste Vorstellungen von Arbeit. Der sprichwörtliche Feuerwehrmann oder Lokomotivführer mag heute nicht mehr an erster Stelle infantiler Jobwünsche stehen, vielleicht aber doch noch Arzt, Ladenbesitzer oder Geheimagent. Dafür zu plädieren, solche Träume als Erwachsener in jedem Fall umzusetzen, wäre naiv, sogar fahrlässig. Diese Vorstellungen als irrelevant abzutun, hieße aber, einen wichtigen Aspekt dessen auszublenden, was uns menschlich macht: die Fähigkeit, uns selbst in fiktive, idealisierte Kontexte hineinzublenden. Uns vorzustellen, was wäre, wenn. Nur so entstehen Pläne, Visionen, nur so entsteht Neues.

Die Frage, warum wir nicht alle Lokomotivführer oder Geheimagenten werden können, lehrt uns zugleich eine wichtige Lektion über das Berufsleben und damit über unsere Gesellschaft: Wir sind zwar, „zumindest in der industrialisierten Welt, die einzigen Tiere, die sich nach jahrtausendelanger Anstrengung von der aufgeregten Suche nach der nächsten Nahrungsquelle befreit haben und uns dadurch neue Zeitspannen eröffnet haben – in denen wir Schwedisch lernen können, Differenzialrechnung pauken oder uns über die Authentizität unserer Beziehungen sorgen“, so der britische Philosoph und Bestsellerautor Alain de Botton in seinem Werk „The Pleasure and Sorrows of Work“ – „Über die Freuden und Mühen der Arbeit“.

Dennoch, so de Botton, ist unsere moderne Welt keineswegs jenes Paradies des Überflusses, das sich unsere Vorfahren im Mittelalter erträumt haben. „Die klügsten Köpfe verbringen ihr Arbeitsleben, indem sie Funktionen von unfassbarer Banalität vereinfachen oder beschleunigen.“ Ingenieure schreiben Abhandlungen über die Geschwindigkeiten von Scanner-Maschinen, so der Feingeist erschüttert, und Berater widmen ihre gesamte Karriere der Implementierung kleiner Einsparungen in den Arbeitsabläufen von Regalpackern und Gabelstaplerfahrern. Kein Wunder, dass wir Zorn empfänden über unser Eingesperrtsein. Dass unter unserer gesetzestreuen and folgsamen Oberfläche eine Wut koche, angesichts des Preises, den wir für unsere tägliche Unterwerfung am Altar der Besonnenheit und Ordnung zahlten. Denn in Wahrheit strebten wir doch – kurz gesagt – tief im Innern alle nach einem sinnvollen Job.

Wir gehen nicht durchs Leben, um eine angeborene Bestimmung umzusetzen und unglücklich zu sein, wenn uns dies nicht gelingt. Wir sollten vielmehr immer wieder bereit sein, uns selbst zu fragen: Was will ich eigentlich heute? Wir müssen nach dieser Wahrheit suchen, und auch wenn die Antwort selten klar und eindeutig ausfallen wird, sollten wir doch bereit sein, auf das hinzuarbeiten, was uns wirklich Spaß machen könnte. Das wird in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich sein. Unser Leben ist nicht statisch, warum sollte es also unser Job sein? Es wird Zeit, dass wir anfangen, uns immer mal wieder zu erfinden. Das Ziel kann dabei ein durchaus schlichtes sein: dass unsere Arbeit Spaß macht und unsere Leidenschaften zumindest teilweise dazu beitragen, unseren Lebensunterhalt zu sichern. Wie wir gesehen haben, wird das keine einfache Mission. Wir sollten zumindest eine Annäherung versuchen.

Markus Albers lebt als Journalist, Unternehmer und Sachbuchautor in Berlin. Er ist Autor bei Monocle und Brand Eins sowie Partner bei Rethink.
Seine Arbeiten wurden auch in Die Zeit, GQ, AD, Vanity Fair, Spiegel, Stern, SZ-Magazin und der Welt am Sonntag veröffentlicht. Außerdem hält er regelmäßig Vorträge, moderiert Panels und entwickelt neue Medienformate.

Seine Bücher „Meconomy“ und der Wirtschafts-Bestseller „Morgen komm ich später rein“ wurden vielfach besprochen.